(red). Vom 7. bis zum 11. Juni findet heuer die bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatung statt. Aufgrund der Coronakrise wird sie vor allem mit Plakat- und Presseaktionen sowie Initiativen im Internet durchgeführt. Das diesjährige Motto lautet „Der Mensch hinter den Schulden“. Unterstützt wird das Anliegen der Aktionswoche von den fünf Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen des Caritasverbandes Eichstätt. Deren Sprecher Hans Wiesner von der Caritas-Kreisstelle Eichstätt erklärt: „Die Coronakrise hat zu Überschuldung bei Menschen geführt, bei denen man nicht damit gerechnet hätte. Das betrifft vor allem Leute aus der Gastronomie. Es sind viele 450-Euro-Jobs weggefallen, aber auch Kurzarbeiter und Solo-Selbstständige zählen jetzt zu unseren Klienten.“ Viele seien besonders verzweifelt, „weil sie die neue Situation nicht gewohnt sind“, informiert der Caritasberater über diese Menschen hinter den Schulden.

Wiesner zufolge hat sich die Anzahl der Klienten bei den Caritas-Schuldnerberatungsstellen im ersten Quartal dieses Jahres um 10 bis 15 Prozent erhöht. Die Gründe sind vielfältig: „Es zeigt sich zum Beispiel, dass manche Kurzarbeitenden den Einkommensverlust von rund 40 Prozent nicht verkraften“, so der Caritas-Schuldnerberater. Auch würden Klein- und Solo-Selbständige jetzt vermehrt aufstockende Sozialleistungen beantragen und Haushaltschecks bei den Schuldnerberatungen nachfragen. Kinder armer Familien seien weiterhin dadurch benachteiligt, „dass sie oft nicht über Computer, Notebooks oder andere technische Hilfsmittel verfügen“, erfährt Wiesner immer wieder. Und nicht wenigen mache heuer eine höhere Energie- und Nebenkostenabrechnung zu schaffen, da sie vergangenes Jahr coronabedingt mehr Zeit zu Hause verbracht hätten also zuvor. „Kurzarbeitende müssen zudem mit Steuernachzahlungen rechnen, weil das Kurzarbeitergeld auf den Steuersatz angerechnet wird“, befürchtet Hans Wiesner.

Rechtsanspruch für alle wichtig

Wie bereits in den vergangenen Jahren fordert der Caritasberater gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) einen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung für alle. Derzeit ist dieser auf arbeitssuchende und Sozialhilfe beziehende Menschen beschränkt. „Betroffene Selbstständige weisen wir zwar gerade in der jetzigen schwierigen Situation nicht ab, aber wir können ihnen nur eine eingeschränkte Beratung anbieten.“

Wiesner begrüßt, dass die Laufzeit von Privatinsolvenzen vor kurzem von sechs auf drei Jahre verkürzt wurde. Er bedauert aber, dass in diesem Zusammenhang nicht auch die Speicherdauer von negativen Merkmalen, zum Beispiel bei der Schufa-Auskunftei, von drei auf ein Jahr verringert wurde. Dies erschwere den Betroffenen nachweislich viele Aktivitäten. So könnten zum Beispiel häufig keine Internetverträge abgeschlossen werden. „Schülerinnen und Schüler aus verschuldeten Haushalten erfahren während der Pandemie dadurch weitere Hürden, die zu Bildungsnachteilen führen“, heißt es in einer Information der AG SBV. Auch auf dem freien Wohnungsmarkt hätten Menschen mit Schulden und negativen Merkmalen bei Auskunfteien kaum eine Chance, eine bezahlbare oder überhaupt eine Wohnung zu finden.

Situation der Kinder verbessern

Zu den Menschen hinter den Schulden gehören der Arbeitsgemeinschaft zufolge auch die Kinder. Es sei wichtig, dass sie finanziell besser abgesichert werden. „Trotz der Vielzahl der familienpolitischen Leistungen wachsen Kinder in Armut auf“, weiß Hans Wiesner, der auch allgemeiner Sozialberater ist. „Für ein fünfjähriges Kind sind im Hartz-IV-Satz lediglich 3,65 Euro pro Tag für Nahrungsmittel und Getränke vorgesehen, und eine musikalische Frühförderung ist mit dem Regelsatz von 283 Euro im Monat zum Beispiel schlicht unmöglich“, ergänzt er. Dabei habe das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahr 2010 gefordert, dass sich dieser Satz nach den kindlichen Entwicklungsphasen und dem, was für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes erforderlich ist, richten solle.

Die AG SBV fordert zudem mehr Forschung über Familien mit Schulden. Gerade angesichts der zunehmenden Überschuldung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie müsse diese dringend ausgebaut werden. „Dabei sollte insbesondere in den Blick genommen werden, wie sich die Lebenslage Überschuldung auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen auswirkt.“

Positiv hat sich aus Wiesners Sicht die Finanzierung der Schuldnerberatungsstellen entwickelt. „Knackpunkt war die Erhöhung der Fördermittel im Jahr 2019 im Zusammenhang mit der Übertragung der Zuständigkeiten für die Mittel für Schuldner- sowie Insolvenzberatung in eine Hand bei den Kommunen. Dadurch wurde nicht nur vieles vereinfacht, sondern konnten auch bestehende Stellen von Mitarbeitenden gesichert und einige neue geschaffen werden.“

Schuldner- und Insolvenzberatung an Caritas-Kreisstellen gibt es in Eichstätt, Ingolstadt, Neumarkt, Roth und Weißenburg.

Bildunterschrift: Menschen hinter den Schulden sichtbar machen will Caritasberater Hans Wiesner anlässlich der bundesweiten Aktionswoche der Schuldnerberatung vom 7. bis 11. Juni. Foto: Caritas/Esser

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