Treuchtlingen (red). Mit Klezmer Musik wurde vor einiger Zeit die Veranstaltung zum Gedenken an Elkan Naumburg eröffnet. Für Stefan Fischer vom Arbeitskreis 9. November war das Datum nicht zufällig gewählt, erinnert der Arbeitskreis doch seit Jahren an die vergessene jüdische Kultur in Treuchtlingen und an die nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere um die Reichsprogromnacht 1938.

In der restlos gefüllten Cafeteria des ehemaligen Treuchtlinger Krankenhauses wurde dann auch ein weiter Bogen gespannt, er führte von einer großherzigen Spende eines jüdischen Fabrikanten und Bankiers aus New York über die Geschehnisse in der Pogromnacht in Treuchtlingen hin zu den heutzutage wieder verstärkt auftretenden antisemitischen Vorfällen in Deutschland.

Nur wenige Meter von der Cafeteria entfernt wurde 1902 Treuchtlingens erster Kindergarten eröffnet. Das markante Gebäude neben dem vier Jahre vorher eröffneten Stadtkrankenhaus überstieg dessen Ausmaße deutlich. Bau- und Lagepläne aus dem Archiv der Stadt machten das deutlich. Es war gleichwohl ein längerer Weg, bis sich die damaligen Stadtväter entschlossen, den Bau der „Kleinkinderbewahranstalt“ 1899 auf den Weg zu bringen. Den Grundstock hatte der nach New York ausgereiste Elkan Naumburg bei seinem einzigen Besuch in seiner Heimatstadt 12 Jahre zuvor gelegt, 500 Reichsmark stiftete er für einen zweckgebundenen Fonds. (TK berichtete)

Durch Lesungen zwischen den Gesangs- und Musikstücken der Gruppe „Jokkel“ aus Gunzenhausen mit Regina Hackenberg (Klarinette), Angela Netal (Violine), Werner Gempel (Gitarre)und Ekke Lindauer (Piano, Akkordeon) wurden die Zuhörer zu einer Zeitreise in die jüdische Geschichte Treuchtlingens eingeladen. Wilfried Hartl hob anhand der Aufzeichnungen von Otto Meidinger hervor, dass „Juden im Gemeindeleben bis 1933 eine bedeutende Rolle spielten.“ Viele waren angesehene Bürger und Geschäftsleute, Juden wurden mit großer Stimmenmehrheit in den Stadtrat gewählt, auch noch kurz vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft. Ab 1934 begann dann das Kesseltreiben, Geschäfte wurden beschmiert, potentielle Kunden als „Judenknechte“ beschimpft. Schilder an den Straßen mit „Juden sind in dieser Stadt unerwünscht“ aufgestellt. Die schrecklichen Geschehnisse in Treuchtlingen um die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als die Synagoge brannte, und das elende Verhalten bis dahin unbescholtener Bürger, ließ bei den Besuchern das Entsetzen wieder emporkommen.

Pfarrerin Jana Menke befasste sich mit der Position der damaligen Amtskirche und stellte die heutige Sichtweise der evangelischen Kirche auf die Zeit des Nationalsozialismus dar. Nach dem 1. Weltkrieg sehnten sich die Deutschen nach einer starken Person, einem Retter für das geschwächte Deutschland. Diesem Führerprinzip stimmten weite Kreise des Protestantismus zu, Widerstände gegen diese Heilslehre gab es lediglich vereinzelt. Der Antisemitismus, der durch die Machenschaften der NSDAP geschürt wurde, ging auch an den Treuchtlinger Christen nicht vorbei. Sie konnten sich weder dem NS-Wahn noch dem – beginnend mit Martin Luther bis ins 20. Jahrhundert bei evangelischen Theologen latent vorhandenen – Antisemitismus entziehen.

Die Person Elkan Naumburg, Sohn des Kantors an der Treuchtlinger Synagoge, Wolf Elkan Naumburg, wurde von Willi Ruppert anhand einer ausführlichen Biografie gewürdigt. Naumburg ist es zu verdanken, dass in Treuchtlingen eine der ersten Kindergärten im Umkreis errichtet und dauerhaft betrieben werden konnte. Im Dezember 1921 ernennt ihn die Stadt zum Ehrenbürger. Unter den Nazis wurde später sofort sein Porträt aus dem Kinderheim entfernt und die nach ihm benannte Straße nach Graben ausgerechnet in Adolf-Hitler-Straße umbenannt.

Naumburg machte sich bis zu seinem Tod 1924 in New York einen unvergesslichen Namen in der Musikszene, als Veranstalter und Förderer von Musikevents mit berühmten zeitgenössischen Musikern im Central Park.

Die Besucher konnten sich während der kurzweiligen Veranstaltung über das Wirken von Elkan Naumburg anhand von Wandbildern informieren. Eine anschauliche Bildschirmpräsentation ergänzte die mediale Aufbereitung. Für das Engagement des parteiübergreifenden und für Interessierte jederzeit offenen „Arbeitskreises 9. November: Die verlorene jüdische Kultur in Treuchtlingen“ übergab Herbert Brumm im Namen des Lions Club Altmühltal eine Geldspende an Stefan Fischer.

Erfreuliches hatte Bürgermeister Werner Baum über die Neuauflage des vergriffenen Buches „Jüdisches Leben in Treuchtlingen“ aus dem wek-Verlag zu berichten. Christel Keller, Mit-Gründerin des Arbeitskreises, hat die Rechte an dem Buch für einen Neudruck an die Stadt Treuchtlingen übertragen. Ab Mitte Dezember wird das Buch in der Stadt und der Buchhandlung Korn erhältlich sein. Die Inhalte des 2008 erschienenen Werkes von Walter E. Keller dienten unter anderem als Basis für die Veranstaltung zu Elkan Naumburg.

Für ein Schmunzeln unter den über 50 Besuchern sorgte dann der pointierte Hinweis des damaligen Redakteurs Johann Christian im Treuchtlinger Kurier vom 11. Januar 1902, wegen einer kurzfristigen Vorverlegung kamen wohl viele zu spät zum Festakt und nicht hinein: „Um der Feier ihren ungestörten Verlauf geben zu können, hatte man die Eingangstüren der Anstalt geschlossen.“ Die dann im Artikel wörtlich zitierte Festrede selbst war wortgewaltig und ausdrucksstark, gehalten vom Stadtsekretär Jungkunst, der kurzfristig den erkrankten Bürgermeister Grahl vertrat. Natürlich wurde darin die mühselige Aufbringung der erheblichen finanziellen Mittel dargestellt. Aber die Sorge um die „rohe und verwahrloste Jugend“, die damals die Menschen in Treuchtlingen wohl besonders umtrieb, sie stand ganz eindeutig im Mittelpunkt der Ausführungen. Elkan Naumburg, der nach der Eröffnung weiter erhebliche Summen für den Unterhalt und die Ablösung der Kredite spendete, hätte diese Sorge sicherlich geteilt.

Bildunterschrift: Es gab großes Interesse an der Veranstaltung um Elkan Naumburg. Foto: Wilfried Hartl

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