Gott und andere Götter – Spannendes „Misery“ in der Gunzenhäuser Stadthalle

Gunzenhausen (red). Literaturvorlagen fürs Theater adaptieren, das ist gar nicht so einfach. Handelt es sich dann noch um ein Werk, das erfolgreich verfilmt wurde und dessen Autor weltweit verehrt wird, es macht es nicht einfacher. Und doch hat es Drehbuch- und Bühnenautor William Goldmann mit seiner Interpretation von „Misery“ geschafft. Goldmann war Oscar-Preisträger und das Drehbuch-Genie Hollywoods. Ihm gelang der Spagat zwischen Authentizität und künstlerischer Freiheit. Sein „Misery“ ist die einzige von Urheber Stephen King autorisierte Bühnenfassung überhaupt. Regisseur Christian H. Voss hat das Stück nun nach Gunzenhausen gebracht und präsentierte dem Publikum ein hochspannendes Spiel, in dem es um Gott und um andere Götter ging.

Annie Wilkes weiß alles über ihre Lieblingsromanheldin Misery. Sie ist Fan Nummer 1 und vergöttert den Misery-Schöpfer Paul Sheldon. Als der Autor einen Autounfall erleidet und sie ihn aus dem Wrack befreien kann, scheint das Glück für sie perfekt. Sheldon findet sich mit gebrochenen Beinen in Annies Haus wieder. Anfangs ist der Schriftsteller noch dankbar, doch dann erfährt seine Retterin, dass Misery im nächsten Buch sterben soll. Das kann sie nicht zulassen und hierfür ist ihr jedes Mittel recht. Aus Annie wird eine freiheitsberaubende Psychopatin, die Sheldon psychisch und physisch misshandelt und zu einem neuen Misery-Buch zwingt. Für den an das Bett Gefesselten beginnt ein Kampf um Leben und Tod.

Kathy Bates hatte die diabolische Annie Wilkes im Hollywoodfilm von 1990 verkörpert. Mehr als 30 Jahre später stiehlt ihr Manon Straché ein wenig die Show. Sie spielt die Krankenschwester unglaublich facettenreich und pendelt in jeder Sequenz zwischen Genie und Wahnsinn. Wildes Gekicher und abrupte Gefühlsausbrüche wechseln sich mit Aggressionen, leicht philosophischen Diskursen und einer Portion Introvertiertheit ab. Straché hatte sich vor kurzem auf der Bühne einen Zeh gebrochen und spielte mit einer Schiene am Bein. Ihrem Gegenspieler Paul Sheldon, der von TV-Schauspieler Fabian Goedecke hervorragend verkörpert wurde, half das nur wenig. „Ich habe Sie aus dem Auto gerettet, doch all die Jahre haben Sie mich gerettet!“ Aufgrund seines Zustands ist Sheldon abhängig von Annie. So humpelt und quält er sich durch den Plot, seinen Schmerz spürt man auch als Zuschauer.

Misery spielt komplett im Haus von Annie Wilkes, es ist ein Setting der Klaustrophobie. Manchmal schaut der von Kay Szacknys gespielt Sheriff Buster vorbei, ein ganz nahes Rettungsanker, der doch für Sheldon unerreichbar weit entfernt bleibt. Die Krankenschwester ist seine Göttin, denn ohne sie würde er sterben. Er ist ihr Gott, der ihrer Lieblingsfigur neues Leben einhauchen kann. Sie zwingt ihn zu schreiben, versorgt ihn mit Nahrung und Medikamenten. Sie begründet es mit Gott und Vorsehung. Ihr „Gott irrt nie!“ Am Ende werden Annie und Sheldon erlöst, sie stirbt auf dem Höhepunkt des Fan-Daseins durch seine Hand. Er kann sich von ihr lösen und hat eine zweite Chance auf ein Leben. Doch wirklich? Hier zündet der letzte Kniff der Theateradaption. Während die Vorlage zum Happy End tendiert, so endet diese Tour de Force für Paul Sheldon mit einem großen Fragezeichen. Die Welt ist eben nicht immer gut.

Als nächstes Stück im Rahmen der Gunzenhäuser Theatersaison 2021/2022 wird „Extrawurst“ mit Gerd Silberbauer am 30. April 2022 gezeigt. Aktuell gibt es noch wenige Restkarten. Nähere Informationen erhalten Sie unter www.gunzenhausen.info, per E-Mail an kulturamt@gunzenhausen.de oder per Telefon unter 09831/508 300.

Foto: Stadt Gunzenhausen

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