Gunzenhäuser Theaterspielzeit – Schwiegermutter und andere Bosheiten

Gunzenhausen (red). Mit einem kurzweiligen und amüsanten Theater-Sitcom-Hybriden verabschiedete sich die Gunzenhäuser Theaterspielzeit am letzten Samstag in die Winterpause. Alexander Olligs gespieltes Werk „Schwiegermutter und andere Bosheiten“ ist Komödie und Drama zugleich, ein mit stilvoller Wortakrobatik und allerlei skurrilen Szenen gefülltes philosophisches Stück Unterhaltungskunst. Theater muss nicht immer elitäres Schauspiel sein, auch Momente herausgerissenen Lebens mit vielen Wiederfindungsmomenten für das Publikum können begeistern. Auf den ersten Blick ist Schwiegermutter und andere Bosheiten oberflächlich, inhaltlich überschaubar und durchgehend albern. Auf den zweiten Blick tiefsinnig, intelligent und lehrreich. Ein vielschichtiges Stück, welches das Publikum in der Gunzenhäuser Stadthalle begeistern konnte.

Drei Generationen Frauen, und alle haben oder hatten ein Verhältnis mit dem gleichen Mann. Oma Gerda, Mutter Henrike und Tochter Eva. Oma und Mutter wohnen zusammen im gleichen Haus, die Tochter lebt in Frankfurt. Als Henrikes beste Freundin Claudine unangemeldet zu Besuch kommt und eben diesen Mann als Verlobten vorstellt, ist das Chaos perfekt und der Plot schlittert auf eine emotionale Katastrophe zu. Damit hat auch Henrikes Mann Bernhard zu tun, der auf der Bühne den rationalen Gegenpart zum emotionalen Proleten Uwe verkörpert. Seine Beziehung zu Henrike scheint nach 22 Jahren am Ende, das Paar hat sich ganz klassisch auseinandergelebt.

Philosophisch geht es zu, wenn der grandios von Michael von Au verkörperte Bernhard mit seinem Sicherheitsdenken und staubtrockenem Humor auf den moralisch-flexiblen Lebemann, Frauenheld und Blender Uwe, gespielt von Pascal Breuer, trifft. Der apollinisch-dionysische Kampf der ungleichen Charaktere führt am Ende zum Erweckungserlebnis des gehörnten Ehemanns. Am Ende löst sich Bernhards emotionale Verkrampfung in einem Rausch von Gefühlen auf, welcher für ihn nicht nur heilend sein kann, sondern auch der Beziehung zu Henrike neuen Schwung verleiht.

Die titelgebende (Schwieger)mutter Gerda ist ein fieses Biest mit misanthropischen Charakterzügen. Ihre Wahrnehmungswelt ist von „Arschlöchern“ bevölkert, von Menschen eben, die ihr nichts recht machen können. Mit der aufrechten Haltung einer alternden Primadonna spielt Simone Rethel diesen Hausdrachen, der mit Freude den Zusammenbruch der Beziehungen um sie herum erlebt. Allerdings ist Disziplinarmacht Gerda eine Projektionsfläche, die es braucht, um den beiden Paaren Henrike-Bernhard und Claudine-Uwe das Ziel ihrer Reise aufzuzeigen. Falls sie nichts an ihren Beziehungen ändern, ändert die Beziehung letztlich sie. Doch auch wenn es ein wenig dauert: Selbst Gerda hat einen weichen Kern, der im Laufe des Stücks nach und nach freigelegt wird.

Mia Geese als Claudine geht leider ein wenig unter, hat sie doch nur wenig Spielzeit und noch weniger zu sagen. Ihre Freundschaft zu Henrike (Susu Padotzke) bleibt trotz aller Enthüllungen unangetastet fest. Unglaubwürdig? Möglicherweise, vielleicht aber auch ein versteckter Hinweis des Regisseurs auf das Geschlechterverhältnis, Mann-bzw.-Frau-Kommunikation oder die Korrelation zwischen Freundschaft und Beziehung.

Tochter Eva kommt übrigens nur am Rande bzw. buchstäblich am Ende der Telefonleitung vor. Da selbst sie ein Verhältnis mit Uwe hat, ist sie der metaphorische Deckel bei dieser ménage à quatre. Schwiegermutter und andere Bosheiten hätte auch ohne diesen unglaubwürdigen Nebenstrang formidabel funktioniert.

Schwiegermutter und andere Bosheiten ist ein Theaterstück für Menschen, die intelligente Sprache mögen und gern einer gepflegten Wortakrobatik zuhören. Wenn die „Laune zwischen Axt und Benzin schwankt“ und nur das „Strafgesetzbuch“ vor den wahren Gefühlen schützt, dann ist das komisch und hat einen Katharsiseffekt auf das Publikum. Innovativ: Zwischen den einzelnen Szenen geht kurz das Licht aus, das Setting ändern sich allerdings nicht. Es entsteht der Eindruck, einer amerikanisch angehauchten Sitcom beizuwohnen, Lacher und Klatschen inklusive.

Das nächste Stück im Rahmen der Gunzenhäuser Theater-Spielzeit heißt „Wiener Blut“ und wird am Samstag, den 21. Januar 2023, ab 19.30 Uhr gezeigt. Karten gibt’s u.a. bei reservix oder dem städtischen Kulturbüro, Tel. 09831/508 109 bzw. E-Mail an kulturamt@gunzenhausen.de.   

Foto: Stadt Gunzenhausen

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