Altmühlfranken (red). Der Skandal um mit Keimen belastete Wurst hat mittlerweile drei Todesopfer gefordert und noch immer ist nicht eindeutig klar, welche Betriebe insgesamt mit dieser industriell hergestellten Wurst beliefert wurden. Diese Unsicherheit und die Tatsache, dass zwischen einem ersten Verdacht und der amtlich angeordneten Schließung des Betriebs ein Monat verging, verdeutliche das Dilemma einer immer mehr in die Anonymität abrutschenden Lebensmittelherstellung, beklagte Dieter Popp als Sprecher von Slow Food Altmühlfranken.

Es ist nicht der erste Fall, bei dem Keime in Wurstartikeln festgestellt wurden. Mit schöner Regelmäßigkeit wird in jedem dieser Fälle betont, dass die Kontrollen künftig noch konsequenter durchgeführt und damit Schäden von den Verbrauchern abgehalten werden. Hätte man entsprechende Fragen vor den jeweiligen Ereignissen gestellt, wäre mit Sicherheit betont worden, dass die Lebensmittelüberwachung solche Verunreinigungen frühzeitig erkennen daher keine gesundheitlichen Gefährdungen hinsichtlich keimbelasteter Wurst zu befürchten seien.

Die Wurzel des Problems liegt jedoch auf einer völlig anderen Ebene. Wir haben uns in Deutschland daran gewöhnt, dass Lebensmittel wie billige Wegwerfartikel auf den Markt gebracht, mit Sonderaktionen um Prozentpunkte verschleudert und gerade bei tierischen Lebensmitteln nicht mit der notwendigen Achtung und Respekt vor dem zu diesem Zweck getöteten Tier behandelt werden. Die Zeiten, in denen die Menschen zumindest im ländlichen Raum noch den Landwirt und dessen Betrieb kannten, von dem die Schlachttiere stammten, sind längst vorbei. Und es sind auch die Zeiten vorbei, in denen die Verbraucher in den Städten noch „den Metzger ihres Vertrauens“ um die Ecke kannten. Heute werden Fleisch- und Wurstwaren überwiegend aus Kühltruhen des Supermarkts oder Discounters entnommen und Gespräche über den Schlachtbetrieb oder gar – völlig utopisch – die Herkunft der Tiere, gehören der Vergangenheit an, da auch Fleisch und Wurst fast überwiegend in solchen Betrieben nur noch im Selbstbedienungsformat erworben werden können. Die Zeiten eines vertrauensvollen Gesprächs mit einem Menschen, der vom Metzgerhandwerk wirklich noch etwas versteht und der einem bei diesem sensiblen Lebensmittel Sicherheit bieten und wertschätzende Empfehlungen geben kann, werden künftig nur noch beim Fachhandel in der klassischen Metzgerei möglich sein. Aber wo gibt es die denn überhaupt noch?

In den vergangenen 15 Jahren sind alleine im Freistaat Bayern 600 Metzgereien für immer geschlossen worden, ein Rückgang um etwa 15 Prozent und dieser Trend hält weiter an. Bereits in 160 bayerischen Gemeinden gibt es keine Metzgerei mehr. Dementsprechend sind auch die Zahlen der Auszubildenden um fast 40 Prozent und die Zahl der im Metzgerhandwerk beschäftigten Personen bayernweit um fünf Prozent gesunken. Und das Verschwinden von Metzgern – gemeinsam mit den Bäckern, die ähnliches zu beklagen haben – bedeutet in der Regel auch das Ende der Nahversorgung in unseren Dörfern.

Auch wenn die Gründe für diese dramatischen Rückgänge sehr vielschichtig sind und einseitige Schuldzuweisungen daher nicht immer weiter führen, müssen die Verbraucher sich dennoch selbst nach ihrer eigenen Verantwortung fragen. Das vermeintlich billige Sonderangebot im Lebensmitteldiscounter zahlen später mit den auf die Steuerzahler umgelegten Folgekosten einer industrialisierten Lebensmittelherstellung oder erhöhten gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen alle Bürgerinnen und Bürger. Wer heute für Klimaschutz als notwendige Daseinsvorsorge eintritt, muss sich auch darüber im Klaren sein, welche Bedeutung das eigene Einkaufs- bzw. Konsumverhalten daran hat.

Hier in Altmühlfranken können sich die Kunden noch glücklich schätzen, dass mit drei Dutzend selbst schlachtenden Metzgereien eine so hohe Dichte wie in keiner anderen bayerischen Region vorhanden ist. Und dennoch drohen auch hier weitere Schließungen, weil Nachfolger fehlen, weil das Image des Berufs zum Beispiel hier nicht den Stellenwert wie in etlichen anderen Ländern genießt oder weil nach wie vor immer noch zu viele Kunden den Preisverlockungen industriell hergestellter Wurst- und Fleischwaren erliegen. Wir haben hier in Altmühlfranken noch die Auswahl und die „Metzger unseres Vertrauens um die Ecke“. Das nützt für die Zukunft aber wenig, wenn von diesem Angebot auch hier immer weniger Konsumenten Gebrauch machen.

Bildunterschrift: Richtig über Wurstwaren informieren, kann man sich am besten beim Metzger seines Vertrauens. Foto: Pixabay

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