Von liebenswerten Helden, duldsamen Lebensreisenden und auf Effekthascherei spezialisierten Starautoren

Gunzenhausen (red). Einige deutschsprachige Autorinnen und Autoren kamen bei der Buchauswahl zum Zug, doch im Hinblick auf die Schauplätze gab es beim Frühjahrs-Literaturcafé der Stadt- und Schulbücherei eine Reise um die Welt. 15 Literaturfreundinnen und Literaturfreunde beteiligten sich mit ihren persönlichen Buchtipps an der Tour durch die Neuheiten des Bücherfrühlings.

Den Start machte Jürgen Huber mit dem „Klima-Apell des Dalai Lama“. Im Austausch mit dem Publizisten und Sonnenenergie-Förderer Franz Alt geht es um das Ziel einer Gemeinwohl-Wirtschaft geleitet von ethischen Prinzipien. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ von Maxim Leo ist aus Sicht von Christine Höller eher ein Träumer. „Ein liebenswerter Charakter“, dessen Versuch, eine Balance zwischen Wahrheit und Liebe zu finden, man gerne verfolgt.

Einen über sieben Generationen reichenden Familienroman hatte Gisela Szonn ausgewählt. „Mitgift“ von Henning Ahrens führt in die niedersächsische Provinz, in der die Wünsche der Familienmitglieder hinter den Interessen des bäuerlichen Anwesens und des Landbesitzes zurückstehen müssen. „Löwenherz“ ist der kleine und keineswegs mutige Bruder von Monika Helfer. Zena Wiehn lobte diesen kleinen Band als liebevolle Beschreibung einer Familie mit all ihren Fehlern und Ticks.

Auf dem Podium der Literaturcafé-Bühne gab es diesmal einen Krimi-Stuhl. Hier nahm als Erste Birgit Franz Platz. Sie empfahl mit „Bis in den Tod hinein“ von Vincent Kliesch einen spannenden Berlin-Krimi. Ins Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich entführte Cornelia Röhl. Sie hatte mit Anna Schneider eine noch recht wenig bekannte Autorin auf der Liste und empfahl deren gelungenen Plot in „Ihr Schrei in der Nacht“. In die chinesische Polizeiarbeit gibt der Thriller von Zhou Haohui „18/4 – Der Hauptmann und der Mörder“ Einblick. Laura Baumann erläuterte nicht nur die spannende Krimi-Handlung, sondern wies auch auf die kreative Leistung des Übersetzers aus dem Chinesischen hin.

Ein Leben, gezeichnet von den politischen Umbrüchen Chinas im 20. Jahrhundert, aber auch von der Persönlichkeit des duldsamen Protagonisten: Dagmar Bender begleitete mit viel Freude beim Lesen „Die lange Reise des Yong Shen“ von Dai Sijie.

Was macht eine Pandemie mit den Menschen, wie regiert sie den Einzelnen ins Leben hinein und kann sie ein altes Machtgefüge sprengen? Orhan Pamuk behandelt diese Themen in „Die Nächte der Pest“. Babett Guthmann würdigte diesen ausschweifenden Roman und wies darauf hin: Mit dem Schreiben hat der türkische Nobelpreisträger bereits im Jahr 2016 begonnen.

Viel diskutiert wurde in diesem Frühjahr der neue Roman Michel Houellebecq mit dem lange Zeit streng geheim gehaltenen Titel „Vernichten“. Hartmut Röhl schätzt diesen französischen Erfolgsautor und seine zur Marke gewordene „Rotzigkeit“, wandet aber ein: „Vernichten“ wurde mit viel Effekthascherei im Vorfeld präsentiert, ist aber beileibe nicht sein stärkster Roman.

„Das Versprechen“ einer früheren Hausangestellten ein eigenes Haus zu geben, ist das Vermächtnis der verstorbenen Mutter. Doch die Mitglieder einer südafrikanischen Familie sind auch noch nach dem Ende der Apartheid in ihrem eigenen Rassismus-Gefängnis verfangen. Marion Hinderer zeigte sich beeindruckt von Damon Galguts neuem Roman, für den er mit dem „Man Booker Prize“ ausgezeichnet wurde.

Einen Pageturner mit leichten Hang zum Kitsch, doch die Themen Tier- und Naturschutz im schottischen Hochland werden brillant erzählt – so

Dagmar Bender

der Tenor von Marianne Natalis über „Wo die Wölfe sind“ von Charlotte McConaghy zeigt auf, wie diese Raubtiere dazu beitragen, dass sich die Wälder renaturieren können.

Kritisch äußerte sich Kerstin Zels zu der blutleeren Figurenzeichnung von Ronja Rönne, bei der sich zwei lebensmüde Frauen auf eine gemeinsame Reise begeben. Mit viel Humor bringt es die Testleserin auf den Punkt: „Kein Ende in Sicht“ – so der Titel des Romans – das habe sie sich beim Lesen der öden Geschichte auch immer wieder gedacht! Mit viel Einfühlungsvermögen und den rechten Blick auf die Lebensbilanz widmet sich die Trauerrednerin Louise Brown der Frage „Was bleibt, wenn wir sterben“. Margret Thill gab hier eine eindeutige Empfehlung ab.

Die Geschichte einer Migrantenfamilie mit all ihren Rissen und Brüchen erzählt Fatma Aydemir in ihrem Roman „Dschinns“. Jedes

Cornelia Röhl

Familienmitglied hat eigene Wünsche verwerfen müssen und verarbeitet Enttäuschungen und das Gefühl von Fremdheit anders. Eine eindeutige Leseempfehlung gab es von Melena Renner.

Zum Abschluss des Abends machte Ulrike Fischer auf einen wichtigen Sachbuch-Beitrag zum Verhältnis zwischen Ukraine und Russland aufmerksam. Der Osteuropa-Kenner Andreas Kappeler hat einen gut lesbaren historischen Abriss zum Verhältnis von Russen und Ukrainern vom Mittelalter bis zur Gegenwart geliefert und einen sprechenden Titel gefunden: „Ungleiche Brüder“.

Fotos: Stadt- und Schulbücherei Gunzenhausen

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