Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März berichtet Aileen Meyer aus Störzelbach von ihren Eindrücken in Indien.

Von Aileen Meyer
„Als blonde weiße Frau nach Indien reisen, das würde ich mir niemals trauen.“ – Vor meinem Aufbruch zu einem einjährigen Freiwilligendienst in Indien habe ich diesen Satz nur allzu oft gehört. Die einen betrachteten mich voller Respekt und lobten damit meinen Mut. Die anderen sahen mich jedoch als jung und naiv an, ein solches „Risiko“ einzugehen.
Ich sehe ein, warum sich so viele um mich sorgten, kennt man Indien aus den Medien schließlich gerade für das respektlose und gewalttätige Verhalten gegenüber Frauen. Dies war jedoch einer der Gründe, warum ich unbedingt dorthin reisen wollte. Meine Absicht war es, zu lernen, inwiefern solchen Frauen auch geholfen werden kann. Ich engagiere mich nun seit einem halben Jahr in „Maher“ (Marathi für Haus der Mutter) im Rahmen des Weltfreiwilligendienstes der Diözese Eichstätt, unter anderem in einer Einrichtung für traumatisierte, psychisch kranke und mittellose Frauen. 1997 gründete Sister Lucy die Organisation Maher, nachdem sie Augenzeugin eines grausamen Ereignisses war: Eine schwangere Frau klopfte eines Abends an der Tür des Klosters um Schutz bittend aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Unsicher, ob sie diese Frau ohne Erlaubnis der Oberin übernachten lassen durfte, schickte Sister Lucy sie fort, mit dem Versprechen, ihr am nächsten Morgen zu helfen. Spät nachts hörte Sister Lucy plötzlich Schreie aus dem Dorf. Sie sah mit an, wie eben diese Frau von ihrem Ehemann lebendig angezündet wurde. Selbst im Krankenhaus konnte ihr nicht mehr geholfen werden und so starben in dieser Nacht sowohl die Mutter als auch ihr ungeborenes Kind von sieben Monaten.
Ein solcher Vorfall ist in Indien kein Einzelfall. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter der Annahme, in Indien würden alle Frauen gedemütigt und unterdrückt? Nachdem ich nun sechs Monate hier verbracht habe, verstehe ich vieles langsam: Indien hat in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Fortschritt gemacht. Vor allem in Großstädten fordern Frauen mehr Rechte für sich selbst. In ländlichen und ärmeren Regionen fehlt jedoch meist Aufklärung über Gleichberechtigung, alte Strukturen sind noch zu sehr in den Köpfen der Menschen verankert.
Problematisch ist die verinnerlichte Rollenverteilung. Selbst weiblichen Angestellten meiner Einrichtung wird es beispielsweise nicht zugetraut, schwere Gegenstände zu tragen, beim Fußball werden die Mädchen belächelt und beim Volleyball sollen sie eine vereinfachte Art spielen. Als Frau gilt man noch immer als schwächer und bedürftiger. Der sehnlichste Wunsch vieler junger Mädchen ist es, verheiratet zu werden. Sie lernen früh, sich um den Haushalt zu kümmern, auch die Erziehung der Kinder ist meist noch Aufgabe der Frau.
Insbesondere die „Mitgift“, welche seit Jahrhunderten Tradition ist, stellt eine große Belastung für Töchter und deren Familien dar. Ursprünglich wurde die Braut zur Hochzeit von ihrer Familie mit Wertgegenständen ausgestattet. Dies hat sich allerdings schnell zu einer Einnahmequelle für die Familie des Bräutigams entwickelt. So einigen sich die Eltern auf einen Preis, den die Brautfamilie den Schwiegereltern zahlen muss. Häufig kann diese solche Zahlungen nicht aufbringen, weshalb Mitgift-Streitigkeiten in indischen Familien immer wieder dazu führen, dass Frauen misshandelt, verstoßen oder sogar getötet werden. Obwohl das Gesetz die Mitgift seit 1961 verbietet, ist sie noch immer sehr verbreitet.
Nicht selten wird eine Frau von ihrer Familie verstoßen, einzig weil sie einen weiblichen Fötus in sich trägt. Die Abtreibung von Mädchen ist in Indien heute noch Gang und Gäbe und findet häufig ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen statt, sodass oftmals weder Mutter noch Tochter überleben. Mit einer kleinen schauspielerischen Einheit habe ich in der NGO, in der ich mich engagiere, vor einigen Monaten auf dieses Thema aufmerksam machen können (siehe Bild): „Save girl child“ – „Rettet die Mädchen“.
Außerdem wurde mir erklärt, dass der Sohn einer Familie meist oben in der Hierarchie steht. Sollte dieser erkranken, würde selbst in Familien, die von Armut betroffen sind, alles zusammengetragen, um ihn zu retten, während im Krankheitsfall einer Tochter, sich niemand um diese kümmere. Des Weiteren werden Frauen zu Hause oftmals extrem gedemütigt und diskriminiert. Ich habe erlebt, wie es ihnen verboten wurde, vor Männern mit mir zu sprechen. Wenn Frauen nie einmal das Wort erheben dürfen, ist es nicht verwunderlich, dass solche Einschränkungen gravierende Folgen für deren Psyche haben. Auch häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch kommen vor und häufig finden sich Frauen irgendwann einsam und traumatisiert auf der Straße wieder.
Ein kleiner Teil findet zu Organisationen wie „Maher“, welche ihnen einen Zufluchtsort und ein neues Zuhause bieten. Ich habe gesehen, wie Maher ihnen eine Familie schenkt, sie vielleicht das erste Mal im Leben, wirklich Liebe erfahren und so in kleinen Schritten einen Weg zurück ins Leben finden. Dem Großteil dieser Mädchen und Frauen ist dieses Schicksal jedoch nicht gewährt und sie bleiben in Armut sich selbst überlassen, oder gelangen in Strukturen der Prostitution und des Menschenhandels.
Indien ist nicht das einzige Land, in dem die Situation der Frau noch immer so gravierend ist. Selbst in Deutschland ist es noch nicht lange her, dass Frauen mit vielen Ungleichheiten zu kämpfen hatten: Vor 1952 konnten schwangere Frauen noch immer legal von ihrem Arbeitsplatz gekündigt werden. In den USA wurde ein entgegenwirkendes Gesetz sogar erst 1978 erlassen. Vor 1958 konnten Frauen kein eigenes Konto eröffnen und erst nach 1995 wurde sexueller Missbrauch am Arbeitsplatz gesetzlich verboten. Zudem ist es Frauen erst seit 2018 erlaubt, ihr Kind in der Öffentlichkeit zu stillen. 2022 lag der geschlechterspezifische Verdienstabstand laut Statistischem Bundesamt in Deutschland bei 18%. Bis Frauen und Männer vollkommen gleichgestellt sind, liegt vor uns auch in Deutschland noch ein langer Weg.
Seit 1911 wird der 8. März als Internationaler Frauentag gefeiert. Ein Tag, der an all die starken Frauen erinnern soll, die ihr Leben dafür geben, Veränderung zu schaffen und an all die Frauen, welche noch immer in Stille leiden. Es braucht Zeit, um Verhalten und Struktur zu ändern. Doch es ist kein aussichtsloser Kampf. Ich glaube fest daran, dass die Zeit kommen wird, wenn Liebe und Respekt vor Macht und Gier stehen. Um dies zu erreichen, ist es wichtig, gemeinnützige Organisationen wie Maher zu unterstützen. Obwohl Maher als Einzelunterkunft für Frauen in Not begann, wurde das Maher-Team bald mit einem Zustrom von unterprivilegierten Kindern konfrontiert, auch Männer benötigten dringend Versorgung. Maher ist auf Spendengelder angewiesen, um ihre Arbeit weiterführen zu können (weitere Infos im Internet: https://maherashram.org/, Auslandsüberweisung: Kontoname: Maher, Kontonummer: 40050122249, Swift Code: SBININBB104, IFSC: SBIN 0000691, State Bank of India, New Delhi Main Branch, FCRA Cell, 4th Floor, 11 Sansad Marg, New Delhi – 110001, India).

Bildunterschrift: Neben den 67 bestehenden Einrichtungen betreibt Maher auch Aufklärungsarbeit. Diese Frauen eines ländlich gelegenen Dorfes, im Bild mit Aileen Meyer und Sister Lucy, kommen regelmäßig zusammen, um gemeinsam zu lernen und zu nähen. Zu Hause warten auf sie Mann und Kinder, die Arbeit im Haus und auf dem Feld. Sie schaffen sich Zeit, weil sie gelernt haben, wie wichtig Bildung für ihre Zukunft ist. Maher gibt ihnen Raum dafür. Foto: privat

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