Eichstätt (red).  Gletschern auf den Grund gegangen: Wie dick ist das Eis der Gletscher in den Alpen noch? Und wie sieht es unter dem Eis aus? Geographen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) untersuchen in einem Forschungsprojekt, was bleibt, wenn Gletscher schmelzen – und erfassen damit potenzielle Gefahrengebiete.

Der Klimawandel lässt Gletscher weltweit immer schneller schmelzen. So verliert beispielsweise der Gepatschferner im Kaunertal pro Jahr etwa 50 Meter an Länge. Und auch die Eisdicke nimmt rapide ab. Aber was bleibt, wenn die Gletscher tauen? Mit dieser Frage befassen sich derzeit Wissenschaftler des Lehrstuhls für Physische Geographie der KU in Kooperation mit Fachkolleginnen und -kollegen des Instituts für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck sowie des Instituts für Alpine Umwelt am Eurac Research in Bozen. Gemeinsam hat sich das Forschungsteam in diesem Winter auf den Weg in die Zentralalpen gemacht, um mehr über Eisdicken und die Landschaft unter den Gletschern herauszufinden.

Ziele waren der Gepatschferner im Kaunertal in Tirol sowie der Fürkele- und Zufallferner unterhalb des Monte Cevedale im Ortlermassiv in Südtirol. Diese Gletscher liegen in den Gebieten, in denen im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes SEHAG („SEnsitivität Hoch Alpiner Geosysteme gegenüber dem Klimawandel ab 1850“) unter Leitung des Lehrstuhls für Physische Geographie der KU die Veränderungen im Hochgebirge seit dem Ende der sogenannten Kleinen Eiszeit um 1850 bis heute erforscht werden. Auf Basis dieser Forschungen sollen Prognosen erstellt werden, wie es mit den Gletschern und den sie umgebenden Landschaft bis 2050 weitergeht. „Da die Gletscher momentan stark aus dem Gleichgewicht gebracht sind und in der näheren Zukunft weiter stark zurückschmelzen werden, ist es für unser internationales und interdisziplinäres Forschungsprojekt von großer Bedeutung zu wissen, welche Landschaften uns unter den heute noch vergletscherten Gebieten erwarten“, sagt Florian Haas vom Eichstätter Lehrstuhl für Physische Geographie.

Wenn das Eis verschwindet, entstehen neue Landschaften. Die vormals eisbedeckten Flächen stehen dann als Lebensraum für verschiedenste Tier- und Pflanzenarten zur Verfügung. Moose, Flechten und einige Blütenpflanzen gehören zu den ersten Neu-Siedlern. Nach und nach folgen Sträucher und Bäume. Doch die neu entstandenen Landschaften bergen auch Gefahrenpotential. So können in Mulden und Senken, die der Gletscher geformt hat, neue Seen entstehen. In Verbindung mit steilen Felswänden, dort austauendem Permafrost und den in der Folge drohenden Felsstürzen besteht die Möglichkeit von Flutwellen, die zur Gefahr werden für die im Unterlauf von Hochgebirgsbächen liegende Infrastruktur.

Ob sich unter einem Gletscher Mulden und Senken verbergen, lässt sich indirekt über die Dicke des Gletschereises erfassen. Um die Eisdicke zu messen, werden Radarwellen genutzt. Diese können Eis ungehindert durchdringen, werden aber vom darunterliegenden Felsen reflektiert. So kann über die Laufzeiten des Radarsignals die Eisdicke am jeweiligen Punkt ermittelt werden. Um eine möglichst flächendeckende Auflösung der Landschaft unter dem Gletscher zu erlangen, ist das Radargerät auf einem Schlitten montiert, der mit einem hochpräzisen GPS-Gerät ausgestattet ist, um die Messpunkte exakt zu verorten.

„Solche Messungen sind sehr aufwändig und auch nicht ungefährlich, weil man mit dem Schlitten den Gletscher möglichst komplett abfahren muss“, erklärt Florian Haas. „Der Schlitten muss von zwei Personen auf Skiern über den Gletscher gelenkt werden. Hier ist große Vorsicht geboten, weil die zum Teil sehr breiten Gletscherspalten im Winter meist durch Schnee verdeckt sind. Das bedeutet, mit entsprechender Vorsicht mehrmals mit Seilsicherung abfahren und auch wieder mehrmals mit den Skiern aufsteigen. Mit einer einzelnen Abfahrt ist es da leider nicht getan“. Weitere Personen sind laut Haas nötig, um Korrektursignale für das GPS zu erzeugen, und um mit einem 3D-Scanner die winterliche Oberfläche des Gletschers zu vermessen. „Erst mit einer Kombination aus all diesen Daten ist es möglich, die Eisdicke und damit die Topografie unter dem Gletscher flächendeckend und möglichst präzise zu erfassen“, erklärt Geograph Florian Haas.

Nicht nur die Datenerfassung selbst ist aufwändig. Auch der Transport der schweren Messgeräte und des Sicherungsmaterials in die hoch gelegenen Gebirgsregionen erfordert gute Organisation. „Die Gletscherbereiche, die wir während der Kampagne vermessen haben, liegen auf über 3000 Metern Meereshöhe und sind sehr schwer zugänglich. Ohne Helikoptertransport geht es da nicht“, sagt Florian Haas.

All der Aufwand habe sich aber gelohnt: Die Geländeaufnahmen konnten mittlerweile erfolgreich und ohne Zwischenfälle fertiggestellt werden, die Daten befinden sich in der Auswertung. Radardaten, GPS-Messungen und die 3D-Vermessung der Gletscheroberfläche werden nun miteinander verrechnet, erläutert Florian Haas: „In ein paar Wochen wissen wir dann, wie dick das Gletschereis an unseren drei Gletschern noch ist und wie es unter dem Eis aussieht.“

Bildunterschrift.  Die Forscher Fabian Fleischer und Jakob Rom bei Untersuchungen mit Laserscanner und GPS-Antennen unterhalb des Gletscherbruchs am Gepatschferner. Foto: upd

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