Ein herber Verlust für die Region – Flüchtlingshilfe Wald e.V. wird aufgelöst

(red). Das Schicksal Flucht kann jeden treffen. Die Gründe dafür können vielfältig sein, Menschen flüchten vor Krieg, vor der Klimakatastrophe oder weil sie am Verhungern sind. In einem Akt von Nächstenliebe nahm Europa in den Jahren 2015 und 2016 Millionen Geflüchtete auf, viele Hundertausende davon kamen in Deutschland an. Das Schicksal der Betroffenen ließ niemanden kalt und es bildeten sich vielerorts engagierte Helferkreise und gemeinnützige Vereine. Die Flüchtlingshilfe Wald ist eine dieser Gemeinschaften, die sich der Menschlichkeit verpflichtet, jahrelang um Geflüchtete in der Region Altmühlfranken kümmerte. In der Stadt Gunzenhausen fanden die Verantwortlichen immer ein offenes Ohr, auf den Austausch folgte gegenseitige Unterstützung. Mitte September 2023 löst sich der Verein nun auf – ein herber Verlust für den Raum Gunzenhausen.

„Die Flüchtlingshilfe Wald ist aus unserer Region eigentlich nicht wegzudenken“, betont Erster Bürgermeister und Ehrenmitglied des Vereins Karl-Heinz Fitz. „Den Flüchtlingen bei der Orientierung im neuen Land zu helfen, ist wesentlich für eine gelungene Integration. Die Kommunen sind hierbei auf die Unterstützung Ehrenamtlicher angewiesen, denn vor allem personell lässt sich diese Aufgabe nicht bewältigen. Die Flüchtlingshilfe Wald hat jahrelang Menschen in Not geholfen und dabei gezeigt, dass es eine ganze Reihe von Bürgerinnen und Bürgern gibt, die sich für andere engagieren wollen. Mich berührt das, denn es zeigt einmal mehr, dass unsere Gesellschaft lange nicht so egoistisch ist, wie sie manchmal gemacht wird. Allerdings kann die Arbeit mit Geflüchteten auch kräftezehrend und herausfordernd sein. Gerade die bedrückenden Schicksale berühren und lassen niemanden kalt. Ich danke der Flüchtlingshilfe Wald für das große Engagement und möchte insbesondere den drei verantwortlichen Damen meine Hochachtung aussprechen. Ich empfinde auch wegen der engen Kontakte und nicht zuletzt des für die Menschen gemeinsam Erreichten eine große Wehmut bei der Auflösung des Vereins. Dennoch habe ich Verständnis für diese Entscheidung. Vielen Dank Frau Dr. Beate Klepper, Frau Dorothee Bucka und Frau Veronika Ortega.“

Seit seiner Gründung im Jahr 2015 hatte sich der Flüchtlingshilfe Wald e.V. um Menschen mit Fluchterfahrung oder Migrationshintergrund gekümmert. Von Beginn an stand die Integration im Mittelpunkt, durchgeführt wurden unzählige Alphabetisierungskurse und Arbeitsqualifizierungsmaßnahmen, z.B. Gabelstaplerkurse in Zusammenarbeit mit der Gunzenhäuser Firma Huber & Riedel. Hilfe im Alltag war elementar, aber auch die Vermittlung gegenseitigen Respekts und der Austausch von fremden Kulturen. Zeitweise wurden mehr als 800 Geflüchtete von rund 100 Ehrenamtlichen betreut, letztere wurden von der Flüchtlingshilfe Wald geschult, beispielsweise durch Workshops für interkulturelle Kompetenz oder im Rahmen einer Konfliktberatung. „Als Verein haben wir 2015 in den Walder Seestuben angefangen, daher kommt auch der Name Flüchtlingshilfe Wald“, erklärt die scheidende 1. Vorsitzende Dorothee Bucka. „Täglich kamen Flüchtlinge in unserer Region an, daher wuchs unsere Gemeinschaft rasant. Plötzlich waren wir in Gnotzheim, Heidenheim oder Weißenburg aktiv, später dann auch außerhalb des Landkreises in Merkendorf und Ornbau. Unser gelebtes Motto war immer ´Hilfe zur Selbsthilfe und Menschen begegnen Menschen´. Integration steht und fällt mit dem gegenseitigen Austausch.“

Bis zu ihrem Ruhestand war Dorothee Bucka neben der Vereinstätigkeit in der Flüchtlingshilfe Wald in der Freiwilligenagentur altmühlfranken aktiv. Die Agentur unterstützte den Verein bis zum Ausscheiden Buckas finanziell und half bei der Vermittlung zwischen den staatlichen Behörden. Veronika Ortega ist dagegen die gute Seele des Vereins. Nach mehreren Jahrzehnten im südamerikanischen Ausland weiß sie um die Schwierigkeiten des Ankommens. Weltanschaulich neutral suchte sie von Beginn an aktiv den Kontakt und baute Beziehungen auf. Häufig war sie als Sprachvermittlerin im Einsatz, als Referentin sogar bayernweit. „Eine gemeinsame Sprache ist der Schlüssel, daher habe ich nach und nach Unterrichtsmaterialien zum schnellen Deutschlernen erstellt“, erklärt Veronika Ortega. „Die Lernvorlagen aus Schulen waren unserem Denksystem verhaftet, das wollte ich aufbrechen und die Unterlagen der Lebenssituation der Geflüchteten anpassen. Daneben hat mich vor allem das Schicksal geflüchteter Frauen berührt. Wir wollten mit ihnen ins Gespräch kommen und haben beispielsweise in Heidenheim eine offene Nähstube eingerichtet. Jedoch sitzt der Schmerz oft tiefer, als dass ihn unverbindliche Gespräche lösen könnte. Als Führungsriege des Vereins haben wir uns deswegen ständig weiter- und fortgebildet. Ich z.B. habe mich umfangreich mit muslimischer Seelsorge beschäftigt.“

In den letzten acht Jahren setzte die Flüchtlingshilfe Wald zahlreiche Projekte um. Das Café mittendrin war nicht nur ein sozialer Treffpunkt und wichtiger Ort des kulturellen Austauschs, auch Bewerbungstrainings wurden dort durchgeführt. Dagegen war „Möbel mittendrin“, das gemeinsam mit dem Jobcenter angeboten wurde, nicht nur Umzugshilfe, sondern auch Kleiderkammer und eine Bezugsquelle für gute, gebrauchte Möbel. In Kooperation mit dem lagfa Bayern e.V. konzentrierte sich der Verein auf die Sprachvermittlung, bot u.a. Alphabetisierungskurse an, eine Fahrradwerkstatt oder ehrenamtliches Imkern. „Viele Geflüchtete wissen anfangs gar nicht, ob sie in Deutschland bleiben dürfen“, betont Dr. Beate Klepper. „Wir gingen immer mit Toleranz, Offenheit und Verständnis auf die Menschen zu. Bereits während der Coronakrise haben wir die Bezeichnung „Flüchtlingshilfe Wald“ als nicht mehr angemessen empfunden. Es ging nämlich längst nicht mehr um eine Soforthilfe, sondern vielmehr um Begleitung der hier wohnhaften Migranten. Diese haben nach und nach mehr Verantwortung übernommen und waren z.B. als Dolmetscher aktiv.“

Die Pädagogin Dr. Beate Klepper hatte den Vorsitz des Vereins von 2015 bis 2019 inne, die Auflösung des Vereins macht sie und ihre Kolleginnen traurig. „Während der Coronakrise haben wir viele Ehrenamtliche verloren, dazu hat uns der Ukrainekonflikt an die Grenzen des Machbaren gebracht“, erklärt Dr. Beate Klepper. „Wir gehen alle auf die 70 zu und können die vielen Aufgaben nicht mehr leisten. Natürlich wird es weiter eine Flüchtlingshilfe in Gunzenhausen geben, nur eben nicht mehr als Flüchtlingshilfe Wald. So gibt es ein MultiKultiForum, außerdem übernimmt der gemeinnützige Verein ENSOXX viele unserer Aufgaben. Wer bei der Flüchtlingshilfe Wald aktiv war und weiterhin helfen möchte, der kann sich gerne bei ENSOXX melden.“

Auch die Stadt Gunzenhausen bedauert die Auflösung des Flüchtlingshilfe Wald e.V. „Die Jahre über waren wir froh, dass wir die Flüchtlingshilfe als verlässliche Partnerin an unserer Seite hatten“, betont Erster Bürgermeister Karl-Heinz Fitz. „Das große Engagement war nicht selbstverständlich und im großen Chaos des Jahreswechsels 2015/2016 hat die Flüchtlingshilfe mit Bedacht an Lösungen gearbeitet. Wir sind dem Verein zu großem Dank verpflichtet. Ihr Einsatz kam immer von Herzen und die Breite ihrer Aktivitäten war eindrucksvoll. Die Stadtverwaltung hat Sie gerne unterstützt. Für den Verein und seine Arbeit stand immer der Mensch im Mittelpunkt und nicht seine Herkunft.“

Foto: Stadt Gunzenhausen (v.l.n.r.: Veronika Ortega, Dorothee Bucka, Dr. Beate Klepper, Erster Bürgermeister Karl-Heinz Fitz)

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