Wenn Liebe zur Obsession wird – Herzensbrecher Don Juan besuchte die Gunzenhäuser Stadthalle

Gunzenhausen (red). Solche Typen wie Don Juan, die wird es wohl immer geben. Für den charmanten Herzensbrecher ist das Leben ein Spiel, in dem er als sich selbst liebender Protagonist von einem Höhepunkt zum nächsten eilt. Er steht ständig unter Strom und aus Emotionen zieht er seine Energie. Als Liebesvampir beutet er Frauen aus, der Stand ist ihm egal. Stillstand ist für ihn der vorgezogene Tod und so springt er von Lust und Leidenschaft getrieben, von Liaison zu Liaison – ohne darauf zu achten, welchen Schaden er damit bei sich und bei anderen anrichtet.

Don Juans Geschichte schrieb Molière bereits im 17. Jahrhundert, und damit in einer Zeit, in der sich der europäische Kontinent vom Dreißigjährigen Krieg erholen musste. Don Juan ist vieles, aber nicht gewöhnlich. Das Stück arbeitet sich an Werten und Normen ab, seziert Generationenkonflikte und outet aufgesetzte Religion als Opium fürs Volk. Das Stück ist sehr wohl eine Komödie und doch bleibt dem Rezipienten nur zu oft das Lachen im Halse stecken. Heute ist Don Juan der vielleicht bekannteste Frauenheld der Literaturgeschichte. Die Münchner Theatergruppe Ensemble Persona um Regisseur Tobias Maehler hat das tendenziell anarchistische Werk in die Moderne transferiert. Nun war sein Team in der Gunzenhäuser Stadthalle zu Gast.

„Alle schönen Frauen haben das Recht, von mir bewundert zu werden!“ David Tobias Schneider spielt den Don Juan ganz ausgezeichnet. Er verschmilzt mit seiner Rolle und is ständig in Bewegung. Im Laufe der Inszenierung sieht man ihm die körperlichen Strapazen an, und damit parallelisiert er das Leben seiner Figur. Don Juan ist ein Getriebener, der von Abenteuer zu Abenteuer springt und an seiner Energie letztlich zerbricht. Ruhe erträgt er nicht und so lässt David Tobias Schneider ihn in jeder ruhigen Minute tanzen. Er kann nicht stillstehen, es ist für ihn unerträglich. Sein treuer Diener Sganarelle, veredelt von Yannick Zürcher, ist sein gutes Gewissen, verzweifelt aber daran, seinen Herren zu bremsen und vor größeren Schaden zu bewahren. Dabei hat Don Juan auch gute Seiten und ein großes Herz. Er setzt selbstlos sein Leben aufs Spiel, als er Don Carlos vor Räubern beschützen möchte. Dabei trachtet ihm dieser Don Carlos nach dem Leben, denn er hat dessen Schwester Donna Elvira betrogen und ausgenutzt. Für Don Juan kein Problem, denn er hat sich längst in einem Strudel der Emotionen verloren. Allerdings warten noch Charlotte, gespielt von Anja Neukamm, und Mathurine, gespielt von Chiara Penzel, darauf, dass er sein jeweiliges Heiratsversprechen einlöst und die Damen zum Traualtar führt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Höhepunkte der Persona Ensemble-Inszenierung sind sicher die leidenschaftlichen Tangosequenzen, die Don Juan auch zu einem szenischen Erlebnis machen. David Tobias Schneider und Stefanie Dischinger, welche die Donna Elvira spielt, sind professionelle Tangotänzer und hauchen dem Stück neues Leben ein. Hier braucht es keine Kulissen, Sprache, Mimik und Bewegung bauen das schönste Set. Angetrieben von Annette Rießner am
Akkordeon tanzen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler in einen lustvollen Rausch, aus dem es kein Entrinnen gibt und der zwangsläufig in einer persönlichen Katastrophe für Don Juan enden muss. Am Ende übernimmt Dionysos das Zepter und hält Don Juan im ewigen Fegefeuer der nicht erfüllbaren Leidenschaft gefangen.

Darf man Molière wirklich so interpretieren? Als feuriges Theaterstück, das wie ein Naturerlebnis über das Publikum zieht. Dieses wird mit eingebunden und zum Teil des Stücks. Dieser Immersionseffekt findet seinen Höhepunkt in Sganarelle, der Gäste befragt und diese die Story mitschreiben lässt. Auch wenn es sich bei Don Juan um poetisches Volkstheater handelt, muss er auch einer neuen Interpretation standhalten. Die durch die Komödie gestellte Lebensfragen sind nach wie vor aktuell, der konservative Stoff jedoch nur ein schwerer, manchmal auch belastender Staubvorhang, den es wegzuwischen gilt. Das Ensemble Persona hat das richtig gut und professionell gemacht und wurde am Ende vom Gunzenhäuser Publikum verdient mit Standing Ovation bedacht. Diese Theateraufführung war etwas ganz Besonderes und es war ein Geschenk, Teil davon gewesen zu sein.

Foto: Stadt Gunzenhausen

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