Roth/Weißenburg (red). Christine Winkler ist 55 Jahre alt und eine starke Frau vom Land. Sie kommt aus Kaltenbuch und arbeitet als Alltagsbegleiterin sowie hauswirtschaftliche Dienstleisterin in den Landkreisen Roth, Weißenburg und der Stadt Schwabach. Ihr Beruf ist bei vielen Beschäftigten im Hauswirtschaftssektor wenig bekannt und durch ein falsches Image geprägt. Zusammen mit dem AELF Roth-Weißenburg i.Bay. möchte sie die Freuden des Berufs aufzeigen und auch andere animieren, etwas für ihre Mitmenschen auch im beruflichen Leben zu tun.

Alltagsbegleiterin Christine Winkler über die Freuden und Herausforderungen ihrer Arbeit – Interview von Laureen Eggmann – AELF RW

Welche berufliche Ausbildung haben Sie?
Ich bin Hauswirtschafterin, wohlgemerkt ländliche Hauswirtschafterin – das ist schon ein Unterschied. In der ländlichen Hauswirtschaft kommt man auf Bauernhöfe lernt die ganzen Abläufe auf den Höfen kennen. Das hilft einem dann, wenn man nach der Ausbildung als Betriebshelferin arbeiten will – das habe ich selbst auch zehn Jahre lang gemacht.

Was haben Sie danach gemacht? Wie sah Ihre weitere Laufbahn nach der Lehre aus?
Zunächst habe ich in einer Wirtschaft in Nürnberg in der Küche gearbeitet. Die Chefin dort wollte unbedingt Mädchen vom Dorf hierfür – sie kam selbst vom Land – weil sie der Meinung war: „Die können wenigstens noch richtig anpacken.“ Danach habe ich auf einen Bauernhof geheiratet und Kinder bekommen. Wie sind Sie dann zurückgekommen zur klassischen Hauswirtschaft und vor allem zu den haushaltsnahen Dienstleistungen? Vor rund 8 Jahren war ich in einem Baugeschäft als Hauswirtschafterin angestellt und bin dann nebenher in den hauswirtschaftlichen Fachservice Roth gekommen. Schon nach knapp einem Monat habe ich gemerkt, dass ich am liebsten mit Senioren arbeite. Das habe ich dann auch verstärkt gemacht – auch mit Kochen, Putzen und vielem mehr. Ein Rundum-Paket sozusagen.

Und wie sind sie dann zur Alltagsbetreuung gekommen?
Das war vor knapp einem Jahr – ich wurde am Knie operiert und habe gemerkt, dass ich etwas ändern muss, da es körperlich nicht mehr so ging. Zudem wollte ich die älteren Mitmenschen auch noch anders unterstützen. Also bin ich auf Frau Mahl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Roth zugegangen, die für den hauswirtschaftlichen Fachservice, die fachliche Betreuung übernimmt. Und mit ihrer Unterstützung habe ich dann meine Zertifizierung beantragt und bin deswegen nun selbstständig als Hauswirtschafterin und Alltagsbegleiterin in den
Landkreisen Roth, Schwabach und im Bereich Weißenburg unterwegs.

Qualifizierung für Zertifizierung

Kann man sich da einfach so zertifizieren lassen, wenn man Hauswirtschaft gelernt hat?
Nein, da braucht man bestimmte Qualifizierungen dazu. Vor einigen Jahren wurde bei uns im Fachservice angeboten den sogenannten Demenzschein mit einer 40-stündigen Fortbildung zu erwerben. Durch diese, bei mir einwöchige Schulung, lernt man noch viele Hintergründe zu der Krankheit kennen und auch, wie man mit den Betroffenen umgeht. Ich hatte damals auch eine langjährige Kundin mit Demenz, die ich betreut habe, und da erschien mir das sinnvoll. Und was man hat, das hat man. Das kam mir dann vor einem Jahr auch sehr zugute: Diese Weiterbildung konnte ich dann nämlich für die Zertifizierung zur Alltagsbetreuerin nutzen. Und auch sonst profitiere ich sehr viel von dieser Weiterbildung – man weiß einfach viel besser, wie man mit den betroffenen Menschen umgehen muss, aber auch mit den Angehörigen.

Wie viele Aufträge haben Sie derzeit und hatten Sie in letzter Zeit so einen Fall?
Insgesamt habe ich momentan mindestens 12 Aufträge, aber das wechselt des Öfteren. Die meisten betreue ich wöchentlich einmal ein bis zwei Stunden. Ja tatsächlich hatte ich vor kurzem eine Dame in der Betreuung, erst 70 Jahre alt, die schlimm an Demenz erkrankt ist. Ich war dann auch viel mit der Tochter in München übers Telefon im Gespräch, wie lange man ihre Mutter noch so zuhause lassen kann – denn das ist der Sinn hinter der Alltagsbetreuung: die Kunden so zu betreuen, dass sie so lange wie möglich gut in ihrer gewohnten und geliebten Umgebung leben können. Als Alltagsbegleiter muss man aber dann auch so ehrlich sein gegenüber der Familie und irgendwann sagen, dass man es nicht mehr verantworten kann, die Person allein zu lassen. In solchen Situationen brauchen die Angehörigen deswegen eben auch jemanden, der sich fachlich gut auskennt und den richtigen Zeitpunkt erkennen kann. Schlussendlich musste die Mutter dann doch in ein Heim, aber wir haben gemeinsam gesucht, um das Beste für sie zu finden und der Abschied war sehr tränenreich – auch bei mir. So enden die meisten Aufträge – wenn die Kunden,
dann doch ins Pflegeheim müssen. Aber oft telefoniere ich dann noch mit ihnen, da baut man einfach eine Verbindung auf, die natürlich nicht mit dem Auslaufe eines Auftrags endet.

Was ist Ihre Klientel?
Vorrangig ältere Menschen und Senioren, aber auch Bedürftige und das hat dann nichts mit dem Alter zu tun. Das können beispielsweise auch schwerkranke junge Menschen sein, welchen ich dann im Haushalt helfe oder die Kinderbetreuung übernehme. Diese Fälle gehen einem dann richtig nah – Senioren haben ihr Leben wenigstens schon gelebt, da geht es hauptsächlich darum ihnen noch so viel wie möglich zu bieten – aber bei jungen Leuten ist es besonders traurig und schwierig.

Unterstützung im Alltag

Was genau ist denn der Unterschied zwischen Alltagsbegleitung und den haushaltsnahen Dienstleistungen?
Die Alltagsbegleiter helfen der Person schon auch im Haushalt. Wir gehen aber auch spazieren mit den Kunden, machen Behördengänge oder Arztbesuche mit ihnen oder gehen gemeinsam einkaufen. Wir sind somit Unterstützung im Alltag. Im Gegensatz dazu sorgen die haushaltsnahen Dienstleister für Unterstützung im Haushalt – heißt sie reinigen, kochen oder waschen beispielsweise, hauptsächlich eher selbstständig. Bei der Alltagsbegleitung wird der Kunde immer in die Arbeit oder Beschäftigung mit eingebunden. Natürlich wird bei beiden Sparten aber auch
auf persönliche Bindung wert gelegt. Die Kunden freuen sich immer, wenn sie bisschen reden können – egal ob das jetzt neben beispielsweise einer Reinigungstätigkeit ist oder beim Spazieren gehen. Aber klar macht man als Alltagsbegleiter auch mal Reinigungsarbeiten, wenn man sieht, dass beispielsweise das Bad mal wieder geputzt werden müsste. Das macht man dann natürlich auch einfach mal mit – selbst wenn es nicht in die Tätigkeiten fällt.

Sie reden mit sehr viel Begeisterung und Hingabe über ihren Beruf. Wie sieht es mit den Kolleginnen aus dem hauswirtschaftlichen Bereich aus? Warum machen so wenige die Weiterbildung zur Alltagsbetreuung?
Es ist sehr schwer Leute für diesen Bereich zu begeistern, da immer jeder, der in der Hauswirtschaft tätig ist, befürchtet nur putzen zu müssen. Aufgrund dessen gehen die Hauswirtschafterinnen eher in die Großküchen oder ambulante Betreuung. Ich versuche aber immer wieder Kolleginnen aus dem Bereich auch für meine Arbeit zu begeistern und sie mitzuziehen. Das muss man aber auch schon bei den jungen Kolleginnen in der Ausbildung anfangen. Den Alltagsbegleiter gibt es ja auch noch nicht so lange, vielleicht ist es deswegen noch ein bisschen unbekannt. Da hat bei den Pflegekassen ein Umdenken stattgefunden: Die alten Leute brauchen demnach nicht nur eine Versorgung in der Pflege. Daher gibt es nun auch für Menschen mit Pflegestufe ein Entlastungsgeld für genau solche Dienstleistungen. Das wissen viele tatsächlich noch gar nicht.

Was sind denn die persönlichen Voraussetzungen für diesen Beruf bzw. die Weiterbildung?
Also man darf nicht überheblich werden, nur weil man diese Weiterbildung hat. Sich nur die Rosinen rauszupicken, ist nicht Sinn der Sache. Man muss sich schon sagen, dass man auch die haushaltsnahen Dienstleistungen mit anbietet – auch das gehört zum Beruf einfach dazu. Die älteren Leute brauchen uns nicht nur zum Spazieren gehen, die brauchen uns für alles. Man sollte daher immer ein Mischpaket anbieten können. Ich mache meinen Beruf aus Überzeugung – für die Leute.

Mit ganzem Herzen bei der Sache
Wertschätzen die Kunden ihre Arbeit und ihre Ausbildung sehr?
Ja, das merkt man schon, besonders, wenn man betont, dass man sich extra noch weitergebildet hat und zertifiziert ist. Gerade wenn diese 125 Euro Entlastungsgeld in Anspruch genommen werden und Bedarf ist mehr zu machen als der, ja doch eher geringe Betrag abdeckt, sagen viele „Na, wenn Sie mal länger brauchen, dann zahl ich den Rest eben drauf“. Da merkt man, dass den Menschen meine Arbeit das auch wert ist und sie mir da absolut vertrauen. Und auch fachlich wird man auch öfter mal nach Empfehlungen oder Hilfestellung gefragt: wie man beispielsweise Fenster streifenfrei bekommt, welche Küchenmaschine etwas taugt. Hierbei wird meine Erfahrung dann wertgeschätzt. Meine Ausbildung kommt mir und meinen Kunden also jeden Tag dadurch zugute.

Was gefällt Ihnen besonders an der Arbeit?
Ich finde diese Kombination aus hauswirtschaftlichen Dienstleistungen und Alltagsbegleitung einfach super – vor allem da ich ja selbstständig bin: Ich bekomme dadurch eine gute Mischung, die ich auch an meine körperliche Verfassung anpassen kann. Mal putze ich für eine Frau mit einem pflegebedürftigen Mann das Bad, mal gehe ich mit einer netten älteren Dame auf den Markt und unterstütze sie beim Einkauf. Und dann geh ich zum Beispiel ins Altenheim und gehe mit einer Frau spazieren, bei der ich auch vorher schon zum Reinigen und Kochen war, als sie noch alleine gewohnt hat. Ihr Neffe hat mich dann nach Jahren wieder angerufen und gemeint „Ich hab der Patin jetzt nichts zum Geburtstag geschenkt, ich dachte mir ich schenk ihr Sie.“ Und das ist die
größte Freude für Sie, dass ich regelmäßig komme, für Sie da bin und sie sich wichtig fühlt – und das freut dann mich. Natürlich gibt es auch schwierige und traurige Situationen – aber da bin ich dann immer sehr stolz, wenn ich etwas bewegen konnte, um es besser zu machen. Der ganze Beruf ist einfach eine Herzensangelegenheit für mich.

Bildunterschrift: Christine Winkler;  Foto: Laureen Eggmann AELF-RW

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