Pleinfeld (red).  Deutschland? Warum nicht. Tatjana Kähm hat vor elf Jahren die Ukraine verlassen, um sich ein Leben aufzubauen. Heute arbeitet sie als stellvertretende Pflegedienstleitung im
Diakoneo Seniorenhof Pleinfeld. „Ich würde es wieder machen“, sagt Tatjana Kähm, die inzwischen in Pleinfeld mit ihrem Mann und zwei Kindern heimisch geworden ist. „Außer meiner Familie vermisse ich hier nichts.“ Im Gegenteil. „Als ich einmal eine Woche in der Ukraine im Urlaub war, wollte ich unbedingt wieder zurück.“ Die Lebensqualität sei besser, hier sei alles ordentlicher, „und es gibt gute Straßen“, scherzt Tatjana Kähm.

Dabei war der Anfang alles andere als leicht. Eine Freundin hatte ihr den Tipp gegeben, ein Freiwilliges Soziales Jahr in Deutschland als Sprungbrett für ihr neues Leben zu nutzen. Tatjana Kähm wollte ihre Familie mit zwei kleinen Schwestern unterstützen, „und natürlich wollte ich hinaus in die Welt“. Da schreckte auch die Aussicht, ohne ein Wort Deutsch nach Dresden zu reisen, nicht. Nach einem vierwöchigen Crash-Kurs inklusive erster deutscher Vokabeln ging es an den Bodensee, wo Tatjana Kähm mit Menschen mit Behinderung arbeitete. „Meine Chefin hat mir Bilder aufgemalt, damit ich Deutsch lerne“, erinnert sich die 32-Jährige. Ansonsten war es „learning by doing“. „Ich habe doch gesehen, was die anderen machen, das habe ich nachgemacht.“ So unkompliziert klingt es öfter, wenn Tatjana Kähm von ihrem neuen Leben erzählt. Probleme sind eher Herausforderungen, eine Lösung gibt es eigentlich immer.

„Das stellen wir bei vielen Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund fest“, sagt Jan Becher, Referent Dienste für Senioren bei Diakoneo. Was gemeinhin als „deutsche Tugenden“ bekannt ist, findet sich unter ihnen gehäuft. „Natürlich ist das nicht bei jedem so, aber Pflichtbewusstsein, Arbeitsauffassung und Ehrgeiz sind bei diesen Kollegen weit verbreitet.“

Ohne Ehrgeiz hätte es Tatjana Kähm auch nicht so weit gebracht. Nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr, bei dem sie ihren heutigen Mann kennengelernt hat, suchte sie einen Ausbildungsplatz und bewarb sich im Seniorenhof Pleinfeld. „Dass ich nicht richtig Deutsch konnte, war für den damaligen Leiter beim Vorstellungsgespräch gar kein Problem.“ Die damals 22-Jährige ist dafür noch heute dankbar. „Für mich war es die beste Chance.“ Daran änderte auch die Bürokratie nichts. Ohne Arbeitsvisum musste sie das Angebot ausschlagen und ein halbes Jahr überbrücken, doch dann hat sie sich in Pleinfeld zur Fachkraft für Altenpflege ausbilden lassen.

„Bürokratie ist tatsächlich unser größtes Problem“, sagt Lorine Gümpelein, die Einrichtungsleitung im Diakoneo Seniorenhof Pleinfeld. Menschen aus dem Ausland für die Pflege zu gewinnen, sei eine Chance, gute Mitarbeitende zu gewinnen. Doch ohne intensive Unterstützung nicht nur am Arbeitsplatz wird das manchmal schwierig. „Wir helfen wo wir können, versuchen Kontakte zu Behörden aufzubauen, unseren Kollegen bei der Antragstellung zu unterstützen oder Deutschkurse zu organisieren, weil die staatlichen überfüllt sind.“

Und manchmal kann man auch Hilfe beim Einkaufen in einem fremden Supermarkt mit unbekannten Produkten gut gebrauchen. „Ich habe einmal Haftcreme statt Zahnpasta gekauft“, erinnert sich Tatjana Kähm und grinst. Da war auch dieser seltsame Bismark-Hering. „Viel zu viel Essig, so etwas kannte ich vorher nicht.“ Wie gut, dass sich am Bodensee zwei Familien ihrer angenommen haben. „Die haben mich überall mitgenommen und mir viel geholfen.“

Das ist in Pleinfeld nicht anders. „Wir sind ein gutes Team“, sagt Tatjana Kähm. Und ein diverses. Unter den rund 65 Mitarbeitenden sind einige Nationalitäten vertreten: Albanien, Rumänien, Ungarn und eben Ukraine. „Für uns ist diese Diversität sehr wichtig“, erklärt Lorine Gümpelein. Wenn man die Menschen ganzheitlich und individuell betreuen wolle, käme man ohne ein möglichst vielseitiges Team gar nicht aus. „Jeder geht mit den Bewohnern ein bisschen anders um. „Uns bereichert das ungemein“, so Lorine Gümpelein.

Doch auch die Mitarbeitenden können bei ihrer Arbeit in der Altenpflege profitieren. „Es gibt kaum eine Branche, in der man mit Fort- und Weiterbildung so differenzierte Wege einschlagen kann“, sagt Referent Jan Becher. Selbst ohne offiziell anerkannten Schulabschluss steht die Ausbildung zum Pflegehelfer offen – und damit nahezu unbegrenzte Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln. Fachlich zum Beispiel zum Wundexperten, zur Pain Nurse, Palliative Care Fachkraft, zur gerontopsychiatrischen Fachkraft oder Praxisanleitung. Tatjana Kähm selbst hat sich gleich mit den beiden letztgenannten Fortbildungen weiterqualifiziert. Arbeiten kann man mit einer Ausbildung in der Altenpflege auch bei Krankenkassen, beim Medizinischen Dienst, im Sanitätshaus oder in einer Reha-Klinik. Und auch die Karrieremöglichkeiten in der Pflege sind vielfältig: Qualitätsmanagement, Wohnbereichsleitung, Pflegedienstleitung oder gar eine Einrichtungsleitung kann man mit entsprechender Weiterbildung werden.

Für Tatjana Kähm gilt das auch. Sie hat unter schwierigen Voraussetzungen ihre Karriere in der Altenpflege begonnen. Nach zwölf Jahren steht sie auf dem Sprung zur Ausbildung als Pflegedienstleitung. „Einrichtungsleitung mache ich auf keinen Fall“, winkt sie ab, wenn es um die weitere Zukunft geht. Ihre Chefin, Lorine Gümpelein, ist da nicht so sicher. „Tatjana will immer weiter. Und das ist gut so.“

Foto: DIAKONEO KdöR

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