Hesses Siddhartha als Musical – Dualität des Lebens

Gunzenhausen (red). So ein wenig Siddhartha steckt in jedem von uns. Die ewige Suche nach Sinn, Erkenntnis und Vollkommenheit lässt uns verzweifeln und hoffen zugleich. Mit den Jahren kommt zwar lindernde Erfahrung, den Grenzen rationaler Fremdbestimmung zu entkommen, erscheint jedoch nahezu unmöglich. Am Ende wartet der Tod, vielleicht auch die Auflösung des Ichs in grenzenlose Energie und Freiheit von Zwängen. Hermann Hesse hatte dieser Dualität des Lebens mit seiner legendären Geschichte um den Sinnsucher „Siddhartha“ ein kleines Denkmal gesetzt. Das weltberühmte Buch um die vielleicht-fiktive Lebensgeschichte Buddhas hat Generationen bewegt, nun wurde es als Musical-Version in der Gunzenhäuser Stadthalle aufgeführt. Das kurzweilige Stück war Teil der Theatersaison 2023/2024.

Siddhartha ist der personifizierte flüchtige Gedanke. Er klopft ständig an die geheimnisvolle Tür des Lebens, hinter der vielleicht die finale Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens wartet. Doch bevor jemand öffnet, wird er hinfort gerissen vom Strudel des Seins, sieht sich mit einem Berg neuer Fragen konfrontiert und muss seinen steinigen Weg zur Erleuchtung fortsetzen. Das Münchner a.gon Theater hat sich der Geschichte Hesses angenommen und die Handlung als Musical adaptiert. Eine großartige Idee und die Weiterentwicklung des Gedankens, dass es verschiedenste Wege gibt, um die Augen und Ohren für die Schönheiten dieser Welt zu öffnen. Die Sprache der Musik ist grenzüberwindend und mitreißend. Sie folgt der Siddhartha-Logik und ist eine leicht verträgliche Mischung aus Askese und Ekstase, der Rausch der dadurch entfachten Emotionen führt das Publikum ganz nah an den Kerngedanken des natürlichen Ursprungs zurück.

In der Tat ist auch das Bühnenbild asketisch, ausgerichtet auf die Vermittlung eines höheren Ziels. Den jungen Siddhartha spielt Alexander Bambach mit viel Hingabe und Fingerspitzengefühl. Er ist seiner Rolle verfallen, die Strapazen des Auf und Abs der ewigen Sinnsuche spiegeln sich in seinem Äußeren. Er harmoniert perfekt mit seinem Alter Ego, dem erwachsenen Siddhartha Ingo Brosch. Die beiden sind Sinnbild für Werden und Vergehen, fast zärtlich streuen sie Teile der indischen Philosophie über das faszinierte Publikum. Angetrieben von den Klängen des hochwertigen Ensembles um Keyboarder Chris Bihlmaier wird Sehnsucht geweckt, Sehnsucht nach innerer Ruhe, wie sie Siddhartha vielleicht am eindringlichsten bei der Kurtisane Kamala und am Ende seines Lebens am Fluss findet.

Das Schauspielensemble, es agiert durch die Bank großartig. Kamala wird von Simone Werner verkörpert, deren sterbende Kurtisane zu Tränen rührt und für Stille in den Reihen sorgt. Ihre Gesangsstimme ist pure Gänsehaut. Ein großes Kompliment ist daneben unbedingt Markus Schöttl als Siddhartha-Freund Govinda zu machen. Seine leicht überdrehte Art des Spiels amüsiert köstlich und zeigte eindrucksvoll, welch großes Potential in diesem Talent schlummert.

Am Ende dann, Standing Ovation, alles andere wäre auch nicht angebracht gewesen. Siddhartha ist zeitlos schön und tiefgründig, die a.gon-Mannschaft hat eindrucksvoll gezeigt, dass ein eher schwer zugänglicher Stoff niveauvoll und mit Liebe zum Detail für ein Massenpublikum aufgearbeitet werden kann. Chapeau und danke für diesen herrlichen Abend.

Weiter geht´s mit der Gunzenhäuser Theaterspielzeit 2023/2024 mit der Komödie „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ am Samstag, 4. Mai 2024. Nähere Informationen finden Sie unter www.gunzenhausen.info.

Bildunterschrift; Ingo Brosch überzeugte als „älterer“ Siddhartha auf ganzer Linie. Im Hintergrund zu sehen, ist Siddharthas Freund Govinda, gespielt vom großartigen Markus Schöttl. Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Grosser

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